Am 18. September durfte ich als Vize­prä­si­den­tin des BDBA e.V. und Pro­fes­so­rin für Business-Transformation und Lea­der­ship der Hoch­schu­le für Wirt­schaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU) die Eröff­nungs­re­de der Sino-German Bil­dungs­kon­fe­renz in Suzhou — orga­ni­siert von Fitit e.V. Frankfurt in Koope­ra­ti­on mit SGAEE e.V. Peking und World-Skills Germany — halten.

Mein Dank ging an die Ver­an­stal­ter dieser Konferenz für die Einladung, die Gast­freund­schaft und die her­vor­ra­gen­de Orga­ni­sa­ti­on. Ca. 500 Teil­neh­men­de waren aus Deutsch­land und China angereist, um gemeinsam über die Zukunft der beruf­li­chen Bildung nach­zu­den­ken. Allein das war schon ein starkes Zeichen – denn gute beruf­li­che Bildung entsteht nicht am Schreib­tisch eines einzelnen Landes, sondern im Austausch zwischen Menschen, die täglich mit jungen Fach­kräf­ten arbeiten.

Suzhou ist eine Stadt mit mehr als 2.500 Jahren Geschich­te, die man nicht ohne Grund das „Venedig des Ostens“ nennt. Ihre klas­si­schen Gärten zählen zum UNESCO-Weltkulturerbe, ihre Kanäle erzählen von jahr­hun­der­te­lan­ger Han­dels­tra­di­ti­on als „Stadt der Seide“. Und doch ist Suzhou heute vor allem eines: ein pul­sie­ren­des Zentrum für Hightech-Industrie, Inno­va­ti­on und inter­na­tio­na­le Zusam­men­ar­beit im Jangtse-Flussdelta – nur eine halbe Zugstunde von Shanghai entfernt. Tradition und Zukunft liegen hier so nah bei­ein­an­der wie kaum irgendwo sonst auf der Welt. Ein pas­sen­de­rer Ort für unsere Konferenz ist kaum denkbar.

Die aktuelle Lage der beruf­li­chen Bildung in beiden Ländern ist unter­schiedl­cih:
In Deutsch­land ist die Situation ange­spannt. Laut Bun­des­in­sti­tut für Berufs­bil­dung wurden 2025 rund 476.000 neue duale Aus­bil­dungs­ver­trä­ge abge­schlos­sen – ein Rückgang von gut zwei Prozent gegenüber dem Vorjahr.¹ Gleich­zei­tig sind fast drei Millionen junge Menschen unter 35 Jahren ohne Berufs­ab­schluss. Der BIBB-Jahresbericht 2025 bringt es auf den Punkt: Tech­no­lo­gi­scher Wandel und Künst­li­che Intel­li­genz ver­schär­fen den Hand­lungs­druck in der beruf­li­chen Bildung erheblich.
China wiederum verfügt über das größte Berufs­bil­dungs­sys­tem der Welt: über 11.000 Berufs­schu­len mit knapp 35 Millionen ein­ge­schrie­be­nen Stu­die­ren­den und mehr als zehn Millionen Absol­ven­tin­nen und Absol­ven­ten jährlich. Seit der Reform des Berufs­bil­dungs­ge­set­zes 2022 ist beruf­li­che Bildung rechtlich der all­ge­mei­nen Bildung gleich­ge­stellt. Mehr als 70 Prozent der neuen Fach­kräf­te in Zukunfts­bran­chen wie der modernen Fertigung kommen aus Berufs­schu­len.

Zwei Länder, zwei Systeme – und doch eine gemein­sa­me Her­aus­for­de­rung. Nicht zuletzt deshalb genießt das deutsche duale Aus­bil­dungs­mo­dell in China seit Jahren einen aus­ge­zeich­ne­ten Ruf, und viele der Reform­schrit­te, die wir hier beob­ach­ten, suchen den Dialog mit genau den Erfah­run­gen, die wir aus Deutsch­land mit­brin­gen. Das ist der Nährboden, auf dem Kon­fe­ren­zen wie diese wachsen.

Wir erleben gerade eine tech­no­lo­gi­sche Zei­ten­wen­de: Robotik, Auto­ma­ti­sie­rung und Künst­li­che Intel­li­genz verändern Arbeits­plät­ze schneller, als viele Aus­bil­dungs­sys­te­me mithalten können. Manche beschrei­ben unsere Zeit deshalb nicht mehr nur als „VUCA“, sondern als „BANI“ – brüchig, ängstlich, nicht­li­ne­ar und unbegreiflich.⁶ Diese Ver­un­si­che­rung ist real, und sie betrifft junge Aus­zu­bil­den­de ebenso wie erfahrene Fach­kräf­te.

Gerade deshalb gewinnt ein Thema an Bedeutung, das lange unter­schätzt wurde: psy­cho­lo­gi­sche Sicher­heit. Menschen lernen und leisten dann am besten, wenn sie Fehler machen dürfen und Fragen stellen können, ohne Angst vor Bloß­stel­lung. Für die beruf­li­che Bildung in China wie in Deutsch­land heißt das: Wer Fach­kräf­te für eine unsichere Welt ausbilden will, muss ihnen zugleich Sicher­heit im Umgang mit dieser Unsi­cher­heit ver­mit­teln. Das ist keine Kür, das ist die Grundlage echter Inno­va­ti­ons­fä­hig­keit – und ein zentrales Zukunfts­the­ma für unsere beiden Bil­dungs­sys­te­me.

Genau hier hat diese Konferenz angesetzt, einen fach­li­chen Austausch und neue Per­spek­ti­ven und auf Begeg­nun­gen ermög­licht, um über Län­der­gren­zen hinweg Vertrauen zu schaffen.

In den Foren werden wurde es dann auch sehr konkret: Es gab Austausch über KI-Anwendungen in der Pro­duk­ti­on, über digitale Gesund­heits­ver­sor­gung, über digitale Tech­no­lo­gien im Handwerk, über MINT-Förderung und Berufs­ori­en­tie­rung – und über die Low-Altitude Economy, die neue Wirt­schaft der unteren Lufträume, die in China gerade rasant wächst.

Denn die besten Lösungen für die beruf­li­che Bildung von morgen entstehen nicht in natio­na­len Silos, sondern im Dialog – genau wie wir ihn hier in Suzhou führen durften.

20.⁠ ⁠September 2026
Prof. Dr. Barbara Kreis-Engelhardt
Vize­prä­si­den­tin und Bun­des­ge­schäfts­füh­rung BDBA e.V.

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