Am 18. Oktober durfte ich als Vize­prä­si­den­tin und Expertin für mentale Gesund­heit der HfWU zu einem Thema sprechen, das uns alle irgend­wann im Leben treffen kann. Ob als Ange­hö­ri­ge, als Pati­en­tin­nen und Patienten oder als Pflegende selbst: Ein Bereich, der sich durch Künst­li­che Intel­li­genz und Robotik rasant verändert. Es ist ein Thema, das Zahlen und Emotionen glei­cher­ma­ßen berührt.

Das Gesund­heits­we­sen insgesamt befindet sich in einem tief­grei­fen­den Wandel. In Deutsch­land setzt inzwi­schen fast jeder fünfte Kli­nik­arzt Künst­li­che Intel­li­genz im Berufs­all­tag ein – etwa zur Aus­wer­tung von Röntgen- und CT-Bildern. Vor drei Jahren war es noch nicht einmal jeder Zehnte.¹ Acht von zehn Menschen in Deutsch­land wünschen sich sogar mehr Tempo bei der digitalen Trans­for­ma­ti­on des Gesund­heits­we­sens, und fast die Hälfte fragt bereits KI-Chatbots zu eigenen Symptomen. Die Akzeptanz ist da – jetzt kommt es auf die richtige Umsetzung an. Was in der Dia­gnos­tik längst begonnen hat, erreicht nun auch die direkte, kör­per­li­che Ver­sor­gung von Menschen – und damit die Pflege.

Nirgendwo wird dieser Wandel so per­sön­lich spürbar wie in der Pflege. Und nirgendwo ist der Hand­lungs­druck so groß. Das Institut der deutschen Wirt­schaft rechnet damit, dass in Deutsch­land bis 2035 bis zu 500.000 Pfle­ge­kräf­te fehlen könnten. In China ver­schärft sich die Lage aus einem anderen Grund noch schneller: Ende 2024 waren bereits 310 Millionen Menschen älter als 60 Jahre – 22 Prozent der Bevöl­ke­rung. Bis 2035 werden es vor­aus­sicht­lich mehr als 400 Millionen sein, bei einer Fach­kräf­te­lü­cke von schät­zungs­wei­se 5,5 Millionen Pfle­gen­den.

Zwei Länder, zwei Geschwin­dig­kei­ten – aber dieselbe Her­aus­for­de­rung: zu wenige Hände für zu viele Menschen, die Fürsorge brauchen. Hinter jeder dieser Zahlen steht ein Mensch, der auf Hilfe wartet, und eine Pfle­ge­kraft, die an ihre Grenzen kommt.
Genau hier setzt Robotik an – nicht um Menschen zu ersetzen, sondern um sie zu entlasten. Lassen Sie mich Ihnen einige Beispiele nennen.
In Deutsch­land arbeitet das Fraunhofer-Institut für Pro­duk­ti­ons­tech­nik und Auto­ma­ti­sie­rung in Stuttgart seit Jahren am „Care-O-bot“, einem Assis­tenz­ro­bo­ter, der an Medi­ka­men­te erinnert, beim Aufstehen hilft und Gegen­stän­de holt.

Am For­schungs­zen­trum Ger­ia­tro­nik der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät München in Garmisch-Partenkirchen unter­stützt der humanoide Roboter „Garmi“ Phy­sio­the­ra­peu­tin­nen und Ärzte bei Mobi­li­sa­ti­on, Reha­bi­li­ta­ti­on und sogar bei tele­me­di­zi­ni­schen Unter­su­chun­gen. Nord­deut­sche Kliniken erproben derzeit gemeinsam mit der Fach­hoch­schu­le Kiel den kleinen Assis­tenz­ro­bo­ter „HospiBot“, der Patienten begrüßt, Proben trans­por­tiert und so einfache, aber zeit­rau­ben­de Aufgaben übernimmt.⁷ Und im Klinikum Frankfurt (Oder) ist seit Kurzem „Navel“ im Einsatz – ein kleiner, sozial-emotionaler Roboter, der auf der Geriatrie-Station zuhört, Gespräche führt, sich Namen merkt und Emotionen erkennt. Die Pfle­ge­di­rek­to­rin dort begleitet den Einsatz wis­sen­schaft­lich.

In China ent­wi­ckelt sich das Tempo noch einmal anders. Das Land verfügt inzwi­schen über rund 200 Her­stel­ler huma­no­ider Roboter und pro­du­zier­te 2025 einen Großteil aller weltweit expor­tier­ten huma­no­iden Systeme. Das Unter­neh­men Fourier Intel­li­gence aus Shanghai hat seine Reha-Exoskelette inzwi­schen in mehr als 200 chi­ne­si­schen Kliniken sowie in Hunderten Kran­ken­häu­sern in über zehn weiteren Ländern im Einsatz. UBTech Robotics arbeitet an einem Haus­halts­ro­bo­ter für rund 20.000 US-Dollar, der aus­drück­lich auch für die wachsende Nachfrage in der Alten­pfle­ge gedacht ist. In chi­ne­si­schen Medien tragen solche Roboter bereits einen lie­be­vol­len Spitz­na­men: „elek­tro­ni­sche Enkel“. Der Markt für Alten­pfle­ge­ro­bo­ter in China wird für 2025 auf rund 50 Mil­li­ar­den Yuan geschätzt – mit jähr­li­chen Wachs­tums­ra­ten von teilweise über 30 Prozent.

Und auch hier in Suzhou wurde diese Dynamik greifbar: Erst in diesem Jahr hat der deutsche Auto­mo­bil­zu­lie­fe­rer Schaeff­ler eine stra­te­gi­sche Part­ner­schaft mit dem hier ansäs­si­gen Unter­neh­men Leju Robotics geschlos­sen, um gemeinsam humanoide Robotik wei­ter­zu­ent­wi­ckeln.

Was bedeutet das nun für die Aus­bil­dung? Der BIBB-Datenreport 2026 zeigt für die Pfle­ge­aus­bil­dung in Deutsch­land ein bemer­kens­wer­tes Bild: 2023 boten Ein­rich­tun­gen fast 100.000 Aus­bil­dungs­plät­ze an, von denen nur 54 Prozent besetzt wurden. An Pfle­ge­schu­len blieben von rund 83.000 Plätzen etwa 21.500 unbesetzt.

Es mangelt also nicht an Chancen, sondern an Bewer­be­rin­nen und Bewerbern. Gleich­zei­tig verändert sich das Anfor­de­rungs­pro­fil: Das BIBB hat Ende 2025 ein neues Modul­hand­buch ver­öf­fent­licht, das digitale Kom­pe­ten­zen gezielt in die Pfle­ge­bil­dung integriert,¹⁵ und im Mai 2026 stand beim BIBB-Forschungskongress in Bonn aus­drück­lich die „Resilienz in der Pflege“ im Mit­tel­punkt.

Aus­zu­bil­den­de brauchen künftig nicht weniger mensch­li­che Zuwendung, sondern zusätz­lich digitale und tech­ni­sche Kompetenz – im Umgang mit Sensorik, mit Doku­men­ta­ti­ons­sys­te­men, mit Assis­tenz­ro­bo­tik. Und auch die Aus­bil­de­rin­nen und Ausbilder selbst müssen diesen Wandel zuerst durch­lau­fen, bevor sie ihn ver­mit­teln können. Wer heute Pra­xis­an­lei­tung macht, aber selbst nie mit einem Assis­tenz­ro­bo­ter gear­bei­tet hat, kann morgen schwer glaub­wür­dig darüber unter­rich­ten.

Was muss also heute für morgen getan werden? Eine kurze Check­lis­te kann helfen, Ori­en­tie­rung zu finden:

Emp­feh­lun­gen für die Unter­neh­men und Ein­rich­tun­gen:
1) In Wei­ter­bil­dung inves­tie­ren, bevor neue Technik ange­schafft wird – Technik ohne Kompetenz verpufft.
2) Pfle­ge­kräf­te von Anfang an in die Auswahl und Erprobung neuer Systeme einbinden, nicht erst am Ende.
3)Freiräume schaffen, damit die durch Technik gewonnene Zeit tat­säch­lich der Beziehung zum Patienten zugu­te­kommt – und nicht neuer Ver­wal­tung.

Für die Aus­bil­de­rin­nen und Ausbilder, ob Fachkraft oder Füh­rungs­kraft:
1) Sich selbst regel­mä­ßig technisch wei­ter­bil­den, nicht nur fachlich-pflegerisch.
2) Aus­zu­bil­den­den eine kritische, reflek­tier­te Haltung gegenüber KI ver­mit­teln – Vertrauen ja, blinder Glaube nein.
3)Psychologische Sicher­heit im Team vorleben, damit auch Fehler im Umgang mit neuer Technik offen ange­spro­chen werden dürfen.

Und für das Prü­fungs­we­sen:
1)Digitale und robo­ti­sche Kom­pe­ten­zen als festen Bestand­teil in Aus­bil­dungs­ord­nun­gen und Prü­fungs­in­hal­te aufnehmen, wie es die neuen Rah­men­plä­ne zur Pfle­ge­fach­as­sis­tenz bereits andeuten.
2) Prü­fungs­for­ma­te selbst moder­ni­sie­ren – pra­xis­na­he, sze­na­rio­ba­sier­te Prüfungen statt reiner Theo­rie­ab­fra­ge.
3) Den fach­li­chen Austausch zwischen Deutsch­land und China stärker insti­tu­tio­na­li­sie­ren, damit beide Seiten von­ein­an­der lernen können, welche Prü­fungs­stan­dards sich in der Praxis wirklich bewähren.
Tech­no­lo­gie wird die Pflege verändern – das steht außer Frage. Ob sie sie auch ver­bes­sert, ent­schei­den wir heute, in den Aus­bil­dungs­ord­nun­gen, in den Betrieben und in Kon­fe­ren­zen wie dieser in Suzhou.

Es ist ziel­füh­rend, diesen Weg gemeinsam gehen, mit Neugier und mit dem nötigen Respekt vor der Würde derer, die Pflege brauchen und derer, die sie leisten. Am Ende soll kein Roboter allein an einem Bett stehen – sondern ein Mensch, dem der Roboter den Rücken freihält.

18.⁠ ⁠September 2026

Prof. Dr. Barbara Kreis-Engelhardt
Vize­prä­si­den­tin des BDBA e.V. und Bun­des­ge­schäfts­füh­rung

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